Nordic Walking el Camino

35. Tag. 01.05.26. Vilalba - Boimil

Manche Menschen erreichen ihre unglaublichsten Ziele nur aus eigener Blödheit heraus - und heute spreche ich dabei ganz offen von mir selbst.

Gestern hielt ich die 42 Kilometer noch für die längste Etappe meines Camino, doch heute bin ich tatsächlich mindestens 63 Kilometer gegangen. Ich war insgesamt 13 Stunden unterwegs, unterbrochen von nur drei kurzen Pausen, die zusammen gerade einmal 40 Minuten ergaben.

Bei der Planung hatte ich mich schlichtweg verrechnet und fest mit einer Strecke von 33 Kilometern gerechnet. Gott sei Dank hatte ich meinen Rucksack vorausgeschickt. Dass der Transport stolze 40 Euro kostete, hätte mich stutzig machen sollen, aber ich dachte mir nichts weiter dabei und erwartete, gegen 16 Uhr in meiner Pension anzukommen.

Unterwegs kamen mir jedoch erste Zweifel, als das Dorf As Cruces einfach nicht auftauchen wollte. Die App zeigte mir unerbittlich, dass ich mich noch immer mitten im Nirgendwo zwischen zwei Dörfern befand. As Cruces wirkte wie eine Fata Morgana, die sich bei jedem Schritt weiter nach hinten verschob. Zudem gibt es auf diesem Abschnitt des Camino del Norte nur etwa alle 20 bis 25 Kilometer eine Verpflegungsmöglichkeit.

Was den Weg zusätzlich erschwerte, war die knallige Sonne, die mich seit dem frühen Morgen ohne Gnade verfolgte. Schattenplätze oder Wasserstellen waren Mangelware. Erst um 17 Uhr erreichte ich endlich As Cruces - mit dem Wissen, dass mir noch weitere 14 Kilometer bis nach Boimil bevorstanden. Ich setzte mich kurz in den Schatten eines Baumes, um meine Gedanken zu ordnen. Obwohl es ein größeres Dorf ist, wirkte alles wie ausgestorben: Es war Montag, Ruhetag, und keine einzige Bar hatte geöffnet.

Ich war so erschöpft, dass ich das Gefühl hatte, nicht mehr aufstehen zu können; jeder Muskel und jeder Knochen in meinen Beinen schmerzte. Aber ich hatte keine Wahl. Ich sagte mir selbst: „Du hast schon über 50 Kilometer geschafft, was sind da noch diese läppischen 14 Kilometer? Komm, los geht’s!“. Um mental stabil zu bleiben, begann ich, die Wegweiser-Pfosten zu zählen - drei Stück auf jedem Kilometer. „Pfosten eins, Pfosten zwei, Pfosten drei. Nur noch 13 Kilometer!“. So zählte ich mich Schritt für Schritt bis zum Ziel.

Als ich kurz vor 20 Uhr völlig entkräftet in der Pension ankam und nach Essen fragte, hieß es nur: „Heute ist Montag, es hat alles zu“. Der nächste Supermarkt war zwei Kilometer entfernt. Doch wieder einmal rettete mich die Hilfsbereitschaft der Einheimischen. Der Pensionsbesitzer bot mir großzügigerweise an, mich mit dem Auto zum Supermarkt zu fahren. Ich kam 30 Minuten vor Ladenschluss an. Es gab zwar kein Brot und keine Empanadas mehr, aber ich ergatterte eine Dose weiße Bohnen und zwei Dosen Sardinen. In der Pension rührte ich mir daraus einen Salat an - genau der Mix aus Proteinen und Kohlenhydraten, den mein Körper jetzt dringend brauchte.

Die Bilanz dieses Gewaltmarsches: Fünf neue Blasen, drei davon am linken Fuß. Besonders die am linken Vorfuß bereitet mir Sorgen, da ich nur noch einen Tag von Santiago entfernt bin und die Haut nicht abreißen darf. Hinzu kommen Blasen an der rechten Ferse und sogar an der rechten Handfläche. Ich bin unendlich dankbar für die uneigennützige Hilfe, die ich heute von Fremden erfahren habe.

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, erkenne ich ein Muster: Ich erreiche meine größten Ziele oft so wie heute. Ich setze mir ein scheinbar unerreichbares Ziel und erschaffe Bedingungen, unter denen das Scheitern einfach unmöglich ist. Man hat dann keine andere Wahl, als es durchzuziehen. Wenn andere später über solche Erfolge staunen und es als „Glück“ abtun, weiß ich es besser: Sie haben keine Ahnung, wie verdammt hart man dafür arbeiten musste.