Nordic Walking el Camino

16. Tag. 13.05.26. Santillana del Mar - Comillas

Mein Tag auf dem Camino begann heute, wie so oft, um 7 Uhr morgens. Da Miguel zur gleichen Zeit aufbrach, liefen wir die gesamte Strecke bis nach Comillas gemeinsam. Unterwegs plauderten wir über dies und jenes, und er erzählte mir von seinem Leben in einem kleinen Dorf in Alicante. Es scheint, als hätte er in seinem Ruhestand sein wahres Glück gefunden. Er wandert dreimal pro Woche mit Freunden und widmet den Rest der Zeit seinem Garten. Er strahlte regelrecht, als er von seinen Granatapfel-, Zitronen- und Mandarinenbäumen erzählte und wie er aus seinen eigenen Oliven etwa 60 bis 70 Liter Öl für den Eigenbedarf pressen lässt. Es war schön zu sehen, mit welcher Hingabe er von dieser Arbeit sprach.

Trotz der guten Unterhaltung gab es lange Phasen, in denen wir einfach schwiegen und jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Ich empfand das als sehr angenehm, denn echtes, vertrauensvolles Schweigen ist nur mit jemandem möglich, bei dem man sich wirklich wohlfühlt.

Der Weg war heute abwechslungsreich und deutlich schöner als gestern. In der ersten Hälfte regnete es mal mehr, mal weniger stark, aber das konnte meine gute Laune nicht trüben. Erstaunlicherweise spielten meine Füße heute gut mit, was ich wohl vor allem dem Voltaren zu verdanken habe. Eigentlich bin ich eine Verfechterin davon, immer die Ursachen eines Problems anzugehen, statt nur die Symptome zu lindern. Doch heute musste ich mir eingestehen, dass es manchmal nicht anders geht: Entweder ich packe das Problem an der Wurzel und beende meinen Camino, oder ich „vertusche“ die Symptome, um weitergehen zu können. Für den Moment ist dieser pragmatische Kompromiss genau richtig.

In Comillas kamen wir viel zu früh an. Da wir noch nicht in die Herberge einchecken konnten, stellten wir nur unsere Rucksäcke ab und machten uns auf den Weg in die Altstadt. Auch im Restaurant waren wir der Zeit voraus. Die Küche öffnete erst um 13 Uhr. Wir nutzten die zwanzig Minuten Wartezeit für ein Getränk und genossen den Moment des Ankommens. Das anschließende Essen war hervorragend, und die Zeit verging bei angeregten Gesprächen wie im Flug.

Mein Bett im Hostel ist heute ausnahmsweise mal so richtig bequem und kuschelig, was auf dem Camino ein seltener Luxus ist. Ich merke, wie die Müdigkeit kommt, und werde heute sehr früh einschlafen.

Heute habe ich gelernt, dass manchmal man die eigenen Prinzipien beiseitestellen muss und Symptome lindern, um das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.