Nordic Walking el Camino

34. Tag. 31.05.26. Lourenzá - Vilalba

Weitere 42 Kilometer liegen hinter mir.

Schon am frühen Morgen versprach der Tag sonnig zu werden, und mein einziger Gedanke war: „Bitte lass es nicht zu heiß werden, zumindest nicht, bis ich den höchsten Berg des gesamten Caminos bezwungen habe.“

Als ich gegen 8 Uhr Mondoñedo erreiche, geschieht das erste kleine Wunder. Direkt an der wunderschönen Kirche hat eine Bäckerei geöffnet - und das an einem Sonntag! Der Duft von frisch gebackenen Croissants ist so unwiderstehlich, dass ich nach kurzem Zögern umkehre. Es wäre eine Sünde, hier einfach vorbeizugehen. Ich genieße ein noch warmes Croissant und einen Café con leche mit Blick auf die Kirche und verschwende keinen Gedanken an die Kohlenhydratbombe. Schließlich liegen über 20 Kilometer ohne jede Versorgung vor mir, und auf dem bevorstehenden Berg wird die Energie ohnehin direkt verbrannt. Außerdem warum sollte man sich die Dinge verbieten, die man am meisten mag?

Der Aufstieg führt stetig nach oben, ist aber bei Weitem nicht so beschwerlich wie der 500-Meter-Berg zwischen Villaviciosa und Gijón, den ich damals mit Antonio und Miguel bestiegen habe. Da der Weg meist im Schatten verläuft, erreiche ich bereits nach einer Stunde den höchsten Punkt dieses Camino. Danach wird das Gelände flacher, aber die Bodenbeschaffenheit wechselt so oft, dass ich ständig die Gummikappen meiner Stöcke an- und abmontieren muss. Die wenigen Dörfer wirken wie ausgestorben; während unter der Woche in den Bars das Leben tobt, scheint sonntags niemand auf die Straße zu gehen.

Nach etwa 21 Kilometern nutze ich in Abadín die einzige Gelegenheit für eine kurze Rast, bevor die letzten 20 Kilometer anstehen. Etwa 10 Kilometer vor meinem Ziel habe ich dann eine Begegnung, die mich zutiefst beeindruckt. Auf einer alten Steinbrücke treffe ich einen jungen Mann, etwa Anfang 30, der dort auf dem Boden sitzt und Holzmedaillons schnitzt.

Obwohl ich unter Zeitdruck stehe, bleibe ich bei ihm im Schatten stehen. Wir beginnen zu plaudern und er fragt mich nach dem Grund meiner Pilgerreise. Er wirkt sehr spirituell, und während wir uns unterhalten, betrachte ich sein Äußeres: ein schmales Gesicht, eingerahmt von einem gepflegten Bart, und dunkles, schulterlanges Haar. Besonders seine klaren blauen Augen faszinieren mich. In diesem Moment denke ich: „Er sieht genau so aus, wie Jesus oft dargestellt wird.“ Sein Blick ist vollkommen ruhig, friedlich und gütig; ich habe das Gefühl, er blickt mir direkt in die Seele. Am Ende fragt er nach meinem Namen und stellt sich selbst vor: „Mein Name ist Jesus (auf Spanisch ausgesprochen).“ Er schenkt mir eine kleine Jakobsmuschel aus Finisterre, und ich ziehe weiter. So habe ich heute Jesus im wahrsten Sinne des Wortes begegnet.

Heute habe ich gelernt, dass der Weg nicht nur den Körper durch kleine Wunder am Morgen nährt, sondern schickt uns auch genau die Begegnungen, die unsere Seele in Momenten der Erschöpfung wieder aufrichten.