Heute Morgen wollte ich einfach nicht aus meinem gemütlichen Bett kriechen. Obwohl ich gestern schon um 21 Uhr tief und fest eingeschlafen war, hätte ich gut noch ein paar Stunden weiterschlummern können - aber der Weg ruft. Vor mir liegt eine echte Mammut-Etappe. Ich lege heute zwei Abschnitte zusammen, was insgesamt 38,5 Kilometer bedeutet. Es ist meine bisher längste Strecke, und ich werde sie allein bestreiten. Miguel ist bereits fünf Kilometer vor mir gestartet, und ich weiß, dass ich sein Tempo heute nicht einholen werde.
Ich starte in einem guten Rhythmus, auch wenn mich die erste Hälfte der Etappe mit Dauernieselregen und matschigen Pfaden empfängt. In Nueva lege ich eine kurze Pause ein, gönne mir eine Kleinigkeit zu essen und einen starken, heißen Kaffee, bevor ich mich wieder auf den Weg mache. Zu meinem Glück hat der Regen mittlerweile aufgehört.
Eine echte Herausforderung ist heute die Wasserversorgung. Auf der gesamten Strecke gibt es keine Möglichkeit, meine Vorräte aufzufüllen. So muss ich mir meinen knappen halben Liter Wasser extrem gut einteilen, um über die vollen 38,5 Kilometer zu kommen.
Gegen 15:30 Uhr erreiche ich schließlich erschöpft Villaviciosa. Nur einen Kilometer vor der Herberge macht plötzlich mein linker Oberschenkelmuskel komplett „zu“. Ich kann kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen und schleppe mich nur dank meiner Stöcke mühsam bis ans Ziel. Beim Check-in erwartet mich eine Überraschung. Die Dame an der Rezeption berichtet mir, dass jemand in einem bestimmten Restaurant auf mich wartet. Miguel! Er war zwar schon vor einer Weile dort, aber die Nachricht allein motiviert mich.
Da es bereits auf 16 Uhr zugeht, entscheide ich mich für eine unkonventionelle Prioritätensetzung: Trockene Klamotten an und direkt zum Essen - die Dusche muss warten, da ich nicht riskieren will, vor verschlossener Restauranttür zu stehen. Das empfohlene Restaurant entpuppt sich als absoluter Glücksgriff. Ich genieße Gambas und eine Dorade, die so fantastisch zubereitet sind, wie ich es noch nie erlebt habe. Meinen riesigen Durst lösche ich mit zwei „Claras con Limón“. Ein besonderes Highlight war Miguels Tipp. Er hatte mal erwähnt, dass der Kopf der Gambas das Beste sei. Da diese Exemplare so außergewöhnlich gut waren, habe ich es gewagt - und mein Gott, Miguel hatte recht!
Später treffe ich Miguel in der Herberge wieder. Wir verabreden uns für morgen früh um 6:45 Uhr. Die nächste Etappe ist mit 30 Kilometern und einem anspruchsvollen Profil angegeben. Er plant, es „ruhig anzugehen“ - ich bin sehr gespannt, was Miguel unter „ruhig“ versteht.
Heute habe ich die Marke von 460 Kilometern geknackt. Ich bin stolz darauf, wie ich diese lange Etappe gemeistert habe. Mein Ziel für die Zeit ab Gijón ist es, das von Miguel gelernte Tempo auch im Alleingang beizubehalten.
Heute habe ich gelernt, dass wenn der Körper streikt, tragen dich der Wille und die Aussicht auf ein fantastisches Essen ans Ziel - und manchmal lohnt es sich, seine kulinarischen Vorurteile über Bord zu werfen.