Nordic Walking el Camino

12. Tag. 09.05.26. Islares - Laredo

2026-05-15 19:03
Gestern Abend hatte ich Glück. Als ich in der Herberge ankam, lagen die meisten schon in den Betten, auch Philippe. Doch heute Morgen beim Frühstück in der Küche trafen wir uns wieder. Da er heute ebenfalls nach Laredo wollte, haben wir Handynummern ausgetauscht. Ich bin mir zwar immer noch nicht ganz sicher, ob das eine gute Idee war, aber ich wollte in dem Moment einfach nicht unhöflich sein. Er brennt immer noch darauf, mir sein Buchkonzept vorzustellen, und schlug vor, dass wir uns in Laredo auf einen Kaffee treffen könnten.

Die erste Hälfte des Weges verlief eher unspektakulär entlang einer Bundesstraße. Danach führte die Route jedoch durch wunderschöne Eukalyptuswälder. Dabei musste ich an Valentin denken, der mir gestern gezeigt hatte, welche Eukalyptussamen man sammeln sollte. Die grünen Samen von diesem Jahr verströmen ein tolles Aroma, besonders wenn man sie in der Hand anwärmt. Ich habe mir einige davon in den Rucksack gelegt, in der Hoffnung, dass meine Sachen dadurch besser riechen. Das ist auch dringend nötig, denn nach der Handwäsche trocknet die Kleidung über Nacht oft nicht richtig. Wenn sie dann sieben bis acht Stunden im warmen Rucksack verstaut ist, fängt sie unweigerlich an zu muffeln.

Um nach Laredo zu kommen, musste ich zwei Berge erklimmen. Ich habe heute auf eine richtige Mittagspause verzichtet und nur kurze Trinkstopps eingelegt. In Laredo angekommen, habe ich im wunderschönen Hostel Bajamar direkt in der Altstadt eingecheckt. Dass es direkt am Camino liegt, schien mir erst ideal, doch die enorme Lautstärke von der Straße habe ich später fast ein wenig bereut. Ein echtes Highlight war jedoch die automatische Wäscherei: Sie war deutlich günstiger als in Gernika, und für mich steht fest, dass ich in größeren Städten jetzt immer diesen Service nutzen werde.

Als ich später für ein schnelles Mittagessen in einer Bar war, traf ich prompt wieder auf Philippe. Er bestellte das gleiche wie ich, war aber sichtlich unzufrieden mit dem Essen. Mir ging es ähnlich, aber da ich nur 30 Minuten Zeit hatte und die Auswahl sehr begrenzt war, war mir das egal - Hauptsache, der Hunger war erst einmal gestillt. Ich kündigte Philippe direkt an, dass ich in einer halben Stunde wieder verschwinden müsse, und entschuldigte mich im Voraus dafür, ihn mit dem schlechten Essen allein zu lassen.

Die ganze Zeit redete er wieder auf „Franglish“ auf mich ein, und ich verstand ehrlich gesagt kein Wort. Als es Zeit zum Aufbruch war, bezahlte ich als kleine Entschädigung sein Essen mit und ließ ihn allein zurück. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns morgen in der Herberge in Güemes wiedersehen werden.

Dieser Tag hat mich wieder zum Nachdenken gebracht. Ich versuche zwar, meine eigenen Vorhaben in den Vordergrund zu stellen, aber es fällt mir unglaublich schwer, jemanden vor den Kopf zu stoßen. Obwohl ich versuche, solche Situationen höflich zu lösen, fühle ich mich danach oft nicht gut. Ich muss offensichtlich noch lernen, klarere Grenzen zu setzen und auch mal die „kalte Schulter“ zu zeigen. Ich mag es einfach nicht, wenn Menschen meine Zeit beanspruchen, die ich eigentlich gerade für mich selbst brauche.

Heute habe ich gelernt, dass ein freundliches „Nein“ kein Zeichen von Unhöflichkeit ist, sondern ein wichtiger Schutz für die eigene Energie.