Ich hänge noch einen weiteren Tag in Navia dran. Mittlerweile habe ich das Apartment um zwei Nächte verlängert und hoffe nun inständig, dass ich meinen Camino am Mittwoch fortsetzen kann.
Gestern Abend rief mich mein Vater an. Er macht sich große Sorgen um mich; als jemand, der sein Leben lang körperlich hart gearbeitet hat, weiß er nur zu gut, was solche großflächigen, offenen Blasen bedeuten. Er fragte mich sogar vorsichtig, ob ich nicht lieber abbrechen sollte. Doch für mich kommt das überhaupt nicht in Frage. Ich bin fest entschlossen, auch die letzten 200 Kilometer noch zu bewältigen - und tief im Inneren weiß mein Vater wohl auch, dass ich nicht einfach aufgebe.
Da meine Vorräte im Apartment aufgebraucht waren, musste ich mich heute zum Mittagessen hinauswagen - oder besser gesagt: „hinaushumpeln“. Da heute Sonntag ist, haben fast alle Geschäfte geschlossen. Ich fand jedoch ein Restaurant für eine warme Mahlzeit und deckte mich in einer Bar mit Sandwiches für den Abend und das morgige Frühstück ein.
Auf dem Rückweg hatte ich unglaubliches Glück: Eine Apotheke hatte Notdienst! Mit meinem holprigen Spanisch und der Hilfe von Google Translate versuchte ich zu erklären, dass ich Klebestreifen zur Fixierung meines Verbandes brauchte. Die Apothekerin war unglaublich geduldig und bemühte sich so lange, bis wir eine passende Lösung gefunden hatten.
Es berührt mich immer wieder, wie empathisch und hilfsbereit die Menschen hier in den kleinen Ortschaften sind. Diese Herzlichkeit erinnert mich stark an meine Kindheit in einem kleinen Dorf in Sibirien. Dort war es selbstverständlich, anzuhalten, wenn jemand mit dem Auto liegen geblieben war. Meine Eltern haben wildfremde Menschen, die sich im tiefsten Winter in unser Dorf verirrt hatten, mit an unseren Tisch gesetzt und sie bei uns übernachten lassen. Dass es diese uneigennützige Hilfsbereitschaft noch gibt, erfüllt mich mit großer Freude.
Heute habe ich gelernt, dass Heilung Zeit braucht, aber Entschlossenheit und die unerwartete Güte Fremder sind der Treibstoff, der einen auch durch die schwersten Stunden trägt.