Der Morgen empfängt mich mit einem feinen Sprühnebel - für mich das perfekte, kühle Wetter, um endlich wieder loszuziehen. Um meinen Fuß am ersten Tag nach der Pause so wenig wie möglich zu belasten, habe ich meinen großen Rucksack vorausgeschickt und mir aus einem Stoffbeutel eine Art Leichtgepäck für das Nötigste gebastelt. Es ist ein unglaubliches Gefühl der Schwerelosigkeit, ohne das gewohnte Gewicht auf den Schultern unterwegs zu sein. Wieder beginnt die Suche nach den gelben Pfeilen und Muscheln, die mir den Weg weisen, und ich komme auf den flachen, asphaltierten Straßen der kleinen Dörfer zügig voran.
Hinter einem der Dörfer erwartet mich jedoch ein gewaltiger Schreck. Ein Hund rennt zielgerichtet auf mich zu, und weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Erst als ich meine Stöcke abwehrend in seine Richtung schwenke, bleibt er kurz vor mir stehen und fixiert mich mit seinem Blick. Wir verharren in dieser angespannten Situation, bis in der Ferne sein Herrchen, ein alter Mann, auftaucht. Der Hund läuft zwar zunächst zu ihm zurück, doch kurz darauf zwingt mich eine Art unbewusster Instinkt, mich umzudrehen - und tatsächlich steht das Tier wieder unmittelbar hinter mir. Er hatte sich so lautlos angeschlichen, dass ich ihn nicht gehört habe. Zum Glück konnte ich ihn erneut vertreiben, während sein Besitzer völlig teilnahmslos blieb. Vielleicht hat er gedacht: "Er möchte doch nur spielen".
Auf meinem weiteren Weg Richtung Ribadeo sind heute nur eine Handvoll Pilger unterwegs, was die Wanderung fast meditativ macht. Unterwegs treffe ich eine ältere Dame, die Früchte sammelt, deren Namen ich mir nicht merken kann, die mich aber an eine Mischung aus saurem Apfel und Aprikose erinnern. Sie schenkt mir eine Handvoll dieser orangefarbenen Früchte als Erfrischung. Während ich sie esse, hoffe ich inständig, dass mir das ungewaschene Obst keine Magen-Darm-Probleme (wenn ihr wisst, was ich meine) bereitet - das hätte mir gerade noch gefehlt!
Ich bin so unendlich froh, wieder Teil des Weges zu sein; das vertraute „Buen camino!“ der Einheimischen ist wie Musik in meinen Ohren. In der vergangenen Woche habe ich mich gefühlt wie ein Bergsteiger, der im Basislager auf das passende Wetter für den letzten Aufstieg zum Gipfel des Everest wartet. Umso größer ist die Erleichterung, dass meine alte Wunde gehalten hat und sich lediglich eine kleine, harmlose Blase an einem Zeh gebildet hat. Heute habe ich Asturien hinter mir gelassen und galizischen Boden betreten - das Ziel ist nun greifbar nah.
Heute habe ich gelernt, dass Vertrauen in die eigene Intuition und die Bereitschaft, Ballast abzuwerfen, den Kopf für die entscheidenden letzten Schritte zum Ziel freimachen.