Nordic Walking el Camino

Wir packen unsere Ängste ein

2026-05-01 18:00
Man sagt, dass auf den Camino man eigene Ängste einpackt. Ich habe eine Menge an Nahrungsergänzung, Pflaster, Zeug für erste Hilfe, Regenausrüstung inklusive Poncho, Hose, Schuhüberzieher und sogar Regenschutz für meinen Rücksack, 5 Paar dünne Wohlsocken eingepackt. Noch überlege ich es mir, ob ich ein zweites Paar Turnschuhe einpacke für den Fall, falls meine andere Schuhe nass werden. Was wohl für Ängste habe ich eingepackt?

Wenn ich ehrlich bin, ist mein Rucksack nicht nur mit Dingen gefüllt, sondern mit Szenarien. Mit „Was wäre wenn“. Was, wenn mein Körper nicht durchhält? Was, wenn ich Blasen bekomme, die mich zum Aufgeben zwingen? Was, wenn ich krank werde, erschöpft bin oder einfach nicht mehr kann? Zwischen Pflastern und Vitaminen steckt die leise Angst, dass mein Körper mich im Stich lassen könnte.

Dann ist da der Regen. Eigentlich nur Wasser. Und doch fühlt er sich in meiner Vorstellung an wie ein Gegner. Ich habe mich ausgerüstet, als würde ich gegen tagelange Nässe kämpfen müssen. Vielleicht, weil ich Angst habe vor diesem Zustand, in dem alles klamm ist - Kleidung, Schuhe, Gedanken. Vor dem Moment, in dem Unbehagen nicht mehr nur körperlich ist, sondern in den Kopf kriecht.

Und die Socken. Fünf Paar. Als könnte ich damit verhindern, was auf so einem Weg fast unvermeidlich ist: Blasen, Nässe, Reibung. Dass ich an meine Grenzen komme. Als könnte ich verhindern, dass es überhaupt unangenehm wird.

Am meisten verrät mich aber der Gedanke an ein zweites Paar Schuhe. Es ist nicht nur praktisch gedacht. Es ist ein Zweifel. Was, wenn ich mich falsch entschieden habe? Was, wenn meine Wahl nicht gut genug ist? Es ist der Versuch, eine Hintertür offen zu lassen, bevor ich überhaupt losgegangen bin.

Vielleicht ist genau das der Kern: Ich versuche, Kontrolle mitzunehmen in eine Reise, die sich genau dieser Kontrolle entzieht.

Der Camino wird nicht planbar sein. Nicht vollständig. Es wird regnen oder nicht. Meine Füße werden weh tun oder überraschend stark sein. Dinge werden anders laufen, als ich es mir vorstelle. Und kein noch so gut gepackter Rucksack wird das verhindern.

Ich frage mich, ob ich wirklich all diese Dinge brauche - oder ob ich mir selbst nicht genug zutraue, mit dem umzugehen, was kommt.

Vielleicht geht es beim Packen gar nicht nur darum, Gewicht zu reduzieren. Vielleicht geht es darum, ein Stück Vertrauen einzupacken - und dafür ein paar Ängste bewusst wieder auszupacken.

Denn am Ende trage ich nicht nur meinen Rucksack. Ich trage auch die Entscheidung, wie viel Kontrolle ich brauche - und wie viel ich loslassen kann.