Nordic Walking el Camino

11. Tag. 08.05.26. Pobeña - Islares

2026-05-14 21:48
Erstaunlicherweise bin ich nach einer schlaflosen Nacht hellwach. Da der heutige Weg einfach und eben ist und ich meine Unterkunft bereits reserviert habe, muss ich mich nicht beeilen und humple in meinem ganz eigenen Tempo gemütlich vor mich hin.

Ich entscheide mich für den Küstenweg Richtung Castro Urdiales und betrete damit Kantabrien. Kurz darauf treffe ich auf Valentin, einen 69-jährigen Spanier, für den ich ein Foto mache. Ab diesem Moment gehen wir gemeinsam weiter. Valentin ist ein echter Camino-Profi: Es ist sein 15. Jakobsweg und das zweite Mal, dass er den Norte läuft - ich bin mehr als beeindruckt! Er erzählt mir stolz von seinen drei Kindern, wir plauder auf Spanisch. Wobei man ehrlich sagen muss, er plaudert, und ich höre meistens zu.

Von ihm lerne ich viel über den Weg, bekomme Herbergstipps und erfahre sogar, warum man als Fußgänger auf der Bundesstraße immer auf der linken Seite gehen sollte. Nur so sieht man die Autos auf sich zukommen und kann reagieren. Er versucht auch, mir die Namen der Vögel beizubringen, die unseren Weg kreuzen, aber mein Kopf speichert das als „unwichtig“ ab. Dank Valentin verlaufe ich mich heute kein einziges Mal, denn er quatscht einfach jeden an, den wir treffen, tauscht ein paar Nettigkeiten aus und fragt nach dem Weg - typisch Spanier eben!

In Castro Urdiales, einem wirklich wunderschönen Städtchen, trennen sich unsere Wege. Während er sich auf ein „königliches Fisch-Essen“ freut, liegen vor mir noch 10 Kilometer Marsch bis Islares. Die Landschaft ist traumhaft, der Horizont verschmilzt förmlich mit dem Meer.

Mein Hostel in Islares ist ein echter Glücksgriff: klein, gemütlich und mit einer fast schon luxuriösen Damendusche inklusive Föhn ausgestattet! Nur das mit der Wäsche bleibt ein Running-Gag: Kaum hänge ich meine Sachen zum Trocknen auf, fängt es prompt an zu regnen.

In der Herberge werde ich von Philippe abgefangen, einem älteren Franzosen, der während seines Camino ein Buch schreibt. Er redet 30 Minuten lang ununterbrochen auf mich ein, noch bevor ich überhaupt duschen konnte. Sein französischer Akzent ist so stark und er mischt so viele französische Wörter unter sein Englisch, dass ich kaum ein Wort dieses „Franglish“ verstehe. Um seiner Buchvorstellung zu entkommen, flüchte ich mich in eine kleine Dorfbar. Dort erlebe ich ein kulinarisches Highlight: die leckerste Tortilla meines Lebens, gefüllt mit roter und grüner Paprika.

Ich hoffe inständig, dass Philippe schon tief und fest schläft, wenn ich zurückkomme. Ich bin müde und meine Kapazität für „Franglish“ ist für heute definitiv erschöpft.

Heute habe ich wieder einmal gemerkt, dass viele Allein-Pilger haben ein enormes Mitteilungsbedürfnis - egal, ob das Gegenüber gerade zuhören will oder nicht. Ich für meinen Teil genieße es nach wie vor sehr, einfach mal nur für mich zu sein.

Heute habe ich gelernt, dass ein guter Begleiter dir den Weg zeigt, aber die schönste Stille findest du erst, wenn du wieder allein gehst.