Nordic Walking el Camino

13. Tag. 10.05.26. Laredo - Güemes

2026-05-16 16:10
Es wird gerade erst hell, als ich mich gegen 7 Uhr auf den Weg mache. Mein Pfad beginnt an einem endlos langen Strand, den ich mir um diese frühe Stunde nur mit ein paar Joggern und Spaziergängern teile. Der Sonnenaufgang ist so atemberaubend schön, dass ich immer wieder stehen bleiben muss, um diesen Moment mit meiner Kamera festzuhalten.

Die Anlegestelle für das Boot nach Santoña ist leider überhaupt nicht gekennzeichnet. Ein freundlicher Fischer erklärt mir schließlich wo das Boot andockt, verrät mir aber auch, dass das Boot erst um 9 Uhr kommt - ich muss also noch über anderthalb Stunden warten. In diesem Moment lerne ich eine wichtige Lektion: Alles kommt zu seiner Zeit, und man kann es nicht erzwingen. Also entspannen und abwarten - mehr bleibt einem ohnehin nicht übrig.

Ich nutze die Zeit für ein gemütliches Frühstück am Strand, telefoniere mit meinem Mann und genieße die wärmende Sonne. Von Santoña aus wähle ich eine Route direkt an der Küste entlang. Ich passiere die Playa de Berria - das Wasser ist dort so kristallblau und klar, dass man am liebsten sofort hineinspringen würde. Am Ende des Strandes wartet ein kleiner Berg auf mich. Der Aufstieg entpuppt sich als echter Ziegenpfad: schmal, steinig und von beiden Seiten mit piksigen Pflanzen übersät.

Doch die Mühe lohnt sich - sowohl der Aufstieg als auch der Abstieg bieten einen einmaligen Ausblick! Auf der anderen Seite des Berges erstreckt sich die Playa de Helgueras, ein atemberaubend schöner, langer Sandstrand. Es tut so unglaublich gut, im weichen Sand direkt am Wasser entlangzulaufen. Vor ein paar Tagen hatte ich noch erwähnt, wie sehr ich lange Strandspaziergänge vermisse, und heute macht mir das Universum gleich drei wunderschöne Strände zum Geschenk. Danke!

Unterwegs kreuzt ein Franzose meinen Weg. „Camino?“, fragt er mit hochgezogenen Schultern. Da er weder Englisch noch Spanisch spricht - und ich mich nicht traue, nach Deutsch oder Russisch zu fragen - verständigen wir uns mit Händen und Füßen über die richtige Richtung. „Buen Camino!“ - und ich nehme eine andere Route.

Die zweite Hälfte des Weges nach Güemes führt mich durch kleine Dörfer und an unzähligen Farmen vorbei. Der Geruch von Kuhmist ist stellenweise so bestialisch, dass mir der Atem stockt - an diesen Stellen gebe ich automatisch ordentlich Gas.

In Güemes übernachte ich in einer ganz besonderen Herberge, dem ausgebauten Familienhaus von Padre Ernesto. Der 82-jährige Pfarrer ist immer noch im Dienst und leitet diese Unterkunft mit viel Hingabe. Vor dem Abendessen versammelt er uns alle in einem iglu-ähnlichen Bau und erzählt die faszinierende Geschichte dieses Ortes, der eigentlich ein halbes Museum ist. Danach gibt es ein königliches Abendessen für alle. Die heiße Kürbissuppe und der Gemüsereis sind nach dem langen Marsch eine wahre Wohltat.

Die Herberge liegt einsam auf einem Berg, und die Stille hier ist im Vergleich zum Stadtlärm herrlich. Ich kuschele mich in meinen Schlafsack und freue mich auf eine ruhige Nacht. Die Atmosphäre erinnert mich an die Sommercamps meiner Kindheit. Ich weiß noch, wie ich als kleines Mädchen meine Freundinnen immer überreden wollte, in einer Scheune oder im Zelt zu übernachten. Tagsüber waren alle begeistert, aber abends scheiterte das Vorhaben meistens, weil alle Schiss vor den Geräuschen oder Mäusen hatten. Jetzt, hier auf dem Camino, geht dieser Kindheitstraum endlich in Erfüllung. Mit diesem Gedanken und einem Lächeln im Gesicht schlafe ich tief und fest ein.

Heute habe ich gelernt, dass manchmal man einfach geduldig warten muss, bis das Boot kommt - denn am Ende schenkt einem das Universum genau das, was man sich am meisten gewünscht hat.