Heute steht eine Mammut-Etappe von 37,5 Kilometern auf dem Programm - eine Strecke, bei der ich mir absolut nicht sicher bin, ob meine Füße das schon mitmachen. Deshalb entscheide ich mich für die pragmatische Lösung und folge Martas Rat vom Vorabend. Ich nehme den Zug von Santander nach Boo. Nach einer entspannten, zwanzigminütigen Fahrt liegen „nur“ noch etwa 25 Kilometer Fußweg vor mir. In Boo angekommen, erwartet mich direkt die erste Herausforderung. Wegen einer Baustelle ist der Camino umgeleitet. Ich folge den Schildern und Zeichnungen - ein Spiel, das ich aus Deutschland nur zu gut kenne.
Doch irgendwann beschleichen mich Zweifel, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Mitten in diesem Moment der Orientierungslosigkeit taucht ein Mann auf, der die Umleitung perfekt in seiner App markiert hat. Es ist Miguel, ein Rentner aus Alicante, der bereits seinen fünften Camino läuft. Er ist in einem beachtlichen Tempo unterwegs, und ich gebe alles, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Kurz darauf wendet sich das Blatt: Miguel übersieht eine Markierung, und nun bin ich es, die ihm den Weg zeigt. Ab diesem Moment gehen wir gemeinsam weiter. Wir plaudern ein wenig auf Spanisch, genießen es aber auch, einfach schweigend nebeneinander herzulaufen. In einem kleinen Ort trennen sich unsere Wege schließlich, als Miguel für einen Kaffee einkehrt und ich allein weiterziehe.
Der restliche Weg ist heute leider ziemlich eintönig. Meistens führt er direkt am Seitenstreifen einer Bundesstraße entlang, mal durch Industriegebiete, mal durch kleine Dörfer. Es ist streckenweise wirklich frustrierend, wenn ein Abschnitt landschaftlich so wenig bietet. Umso schöner ist die Ankunft in Santillana del Mar. Mein Quartier ist ein ehemaliges Kloster aus dem 18. Jahrhundert, und das Dorf selbst ist mit seinen gut erhaltenen mittelalterlichen Gassen einfach traumhaft schön. Obwohl ich sonst nach der Ankunft eher auf Sightseeing verzichte, reibe ich meine Füße heute dick mit Voltaren ein und mache mich doch noch einmal auf den Weg ins Zentrum.
Santillana scheint bei Einheimischen und geführten Rentnergruppen extrem beliebt zu sein, entsprechend touristisch geht es zu. An jeder Ecke finden sich Souvenirläden mit regionalen Produkten, Schmuck und „handgemachter“ Kunst - oft überall das Gleiche und zu stolzen Preisen.
Da ich auf dem Camino definitiv einen Proteinmangel spüre, sorge ich heute für mein eigenes Abendessen. Eine Dose Kichererbsen und zwei Dosen Sardinen für insgesamt 3,80 € werden in der Herberge zu einem nahrhaften Salat vermischt. Ich bin mehr als zufrieden mit dieser Extraportion Ballaststoffe und Protein.
Die lauten Gemeinschaftsräume mit ihren oft oberflächlichen Gesprächen meide ich, so gut es geht; sie langweilen mich eher, als dass sie mich bereichern. Stattdessen ziehe ich mich früh in mein Bett zurück, um den Tag in Ruhe zu reflektieren und meine Notizen zu machen.
Heute habe ich gelernt, dass man sich das Leben nicht künstlich erschweren sollte - es ist heutzutage ohnehin schon herausfordernd genug.