Nordic Walking el Camino

21. Tag. 18.05.26 Villaviciosa - Gijón

2026-05-24 12:02
Heute sind wir ein internationales Trio: Miguel, Antonio aus Italien und ich. Auf den 30 Kilometern nach Gijón gilt es, zwei gewaltige Berge direkt hintereinander zu bezwingen. Die Steigungen sind extrem steil und ziehen sich unbarmherzig in die Länge, aber wir wissen, dass wir es meistern werden - uns bleibt gar keine andere Wahl. Antonio, der in den Dolomiten lebt und ein erfahrener Bergsteiger ist, erklimmt die Hänge im Handumdrehen und verschwindet hinter der nächsten Kurve. Da Miguel hinter mir läuft, warte ich an flacheren Stellen immer wieder auf ihn, um sicherzugehen, dass bei ihm alles in Ordnung ist.

Unterwegs kommen wir an einer urigen Bar vorbei, die früher sicher lebhafter war. Heute verkauft die betagte Besitzerin nur noch Obst und fertige Getränke; sie erzählt uns, dass sie sich mit ihren vielen Jahren nicht mehr fit genug fühlt, um die Bar wie früher zu führen. Als Miguel nach etwas zu trinken fragt, deutet die Señora mit einem schelmischen Lächeln auf eine Flasche Rotwein. Wir lachen alle herzlich, lehnen aber dankend ab - es ist erst 11 Uhr morgens und wir haben noch die Hälfte des Weges vor uns. Antonio und Miguel stärken sich mit Bananen und Limonade, und dann ziehen wir gemeinsam weiter. Die beiden legen ein beachtliches Tempo vor, sodass ich unterwegs kaum zum Fotografieren komme, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich Antonio und Miguel unterhalten. Der eine spricht Spanisch, der andere Italienisch, doch sie scheinen einander perfekt zu verstehen. In Gijón angekommen, verabschieden wir uns von Antonio, der heute noch zehn Kilometer weiterziehen möchte. Den restlichen Abend verbringen Miguel und ich gemeinsam in der Stadt. Es ist sein letzter Abend auf diesem Camino. Morgen fährt er mit dem Zug nach Hause und wird erst im Oktober von hier aus Richtung Santiago starten. Gijón ist eine große Stadt mit vielen modernen, nicht unbedingt schönen Hochhäusern, aber der Spaziergang durch die Straßen tut unseren müden Beinen unglaublich gut. Es ist wichtig, die Muskeln nach einem so langen Marsch noch ein wenig „auszulaufen“.

Zum Abendessen kehren wir in eine authentische Sidrería ein, die ihren eigenen Sidra produziert. Das Essen ist einfach, aber unglaublich lecker, und die Atmosphäre ist wunderbar lebendig. Die Kellner wirbeln zwischen den Tischen umher, schenken Sidra nach, verteilen kleine Häppchen und plaudern mit den Gästen. Ich versuche in jedem Ort etwas Typisches zu probieren, und Miguel freut sich sichtlich, wenn es mir schmeckt. Dabei fällt mir wieder auf, was für ein Gentleman der alten Schule er ist. Er fragt mich erst nach meinen Wünschen und gibt dann die gesamte Bestellung an den Kellner weiter - eine Aufmerksamkeit, die man heutzutage nur noch selten erlebt.

Beim Abschied versprechen wir uns, einander ein Foto zu schicken, sobald wir jeweils Santiago erreicht haben. Morgen werde ich wieder allein unterwegs sein, und der Gedanke macht mich ein wenig traurig. Heute habe ich einmal mehr verinnerlicht, dass selbst schwere Aufgaben in einem Team viel leichter zu bewältigen sind - auch wenn jeder in diesem Team seine ganz eigenen Themen zu meistern hat.

Heute habe ich gelernt, dassein gemeinsames Ziel über Sprachbarrieren hinweg verbindet, und die richtige Begleitung lässt selbst die steilsten Berge kleiner erscheinen.