Nordic Walking el Camino

37. Tag. 03.06.26. Santiso - Santiago de Compostela

2026-06-07 10:11
Heute ist es so weit: Die letzten 15 Kilometer bis nach Santiago liegen vor mir. Mein Herz ist schwer vor Abschiedsschmerz, weil sich diese Reise nun dem Ende neigt, und gleichzeitig federleicht vor Vorfreude darauf, bald wieder zu Hause zu sein, meinen Mann in die Arme zu schließen und endlich wieder im eigenen Bett zu schlafen. Die Strecke ist heute belebt und voller Energie, da hier der Camino Francés und der Camino del Norte zusammenfließen. Erstaunlicherweise protestieren meine Beine heute kein einziges Mal; ich halte mühelos mein Tempo, während das kühle, bewölkte Wetter und ein gefühlt leichterer Rucksack mich begleiten.

Punkt 11 Uhr stehe ich vor der Kathedrale. Als ich meinen Mann anrufe, um ihm zu sagen, dass ich es geschafft habe, brechen alle Dämme: Die Anstrengungen der letzten fünf Wochen, die Schmerzen und Entbehrungen vermischen sich mit einem unbeschreiblichen Glücksgefühl, und die Tränen laufen mir einfach über die Wangen. Auf dem Platz herrscht eine unglaubliche Atmosphäre - überall Menschen, die ihr Ziel erreicht haben, einander anlächeln und sichtlich ergriffen sind. Wie versprochen, schicke ich ein Foto an Miguel, der mich sofort per Videoanruf kontaktiert. Er gratuliert mir von Herzen und schlägt bereits vor, im nächsten Mai den Camino Primitivo gemeinsam zu laufen. Offenbar hat er in mir die ideale Wanderpartnerin gefunden, und ich muss ihm versprechen, zumindest ernsthaft darüber nachzudenken.

Nach den kulinarischen Enttäuschungen der letzten Tage in Galicien - wo das Essen oft geschmackneutral und lieblos wirkte - folge ich in Santiago Miguels Rat und besuche den Markt. Hier finde ich das Paradies: frische Jakobsmuscheln, Pulpo und ein Stück Tarta de Santiago zum Cortado. Alles schmeckt hervorragend! Ich verbringe den Rest des Tages damit, mich durch die Bars der Stadt zu probieren; die Meeresfrüchte sind so frisch und köstlich, dass ich gar nicht mehr aufhören möchte zu genießen.

Den Nachmittag lasse ich mich durch die Gassen treiben, vorbei an Kapellen und kleinen Läden. Am Abend besuche ich schließlich die Pilgermesse und sehe mir die Kathedrale von innen an. Natürlich darf die traditionelle Umarmung des Heiligen Santiago nicht fehlen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, eine so heilige Reliquie nicht nur zu berühren, sondern richtig zu umarmen - ich hatte sogar kurz die fast kindliche Angst, die Figur mitsamt mir könnte Richtung Altar kippen.

Während ich durch die Stadt ziehe, halten meine Augen ständig Ausschau nach Danny, Travis oder Vince; es wäre die Krönung dieses Tages, die Weggefährten hier noch einmal wiederzusehen. Ein kleiner Spoiler: An meinem letzten Tag in Santiago, als ich vor der Fahrt zum Flughafen noch einmal am Markt gegessen habe, habe ich die beiden tatsächlich wiedergetroffen! Es war wie immer Danny, der mich zuerst entdeckte. Das war ein unglaubliches Geschenk des Universums - wieder einmal ist mein Wunsch wahr geworden. Und es passierte noch etwas: Nur 15 Minuten später traf ich an der Bushaltestelle zum Flughafen auch noch Philippe. Wir saßen im selben Bus und haben uns wunderbar unterhalten. Das war ein wirklich schöner, runder Abschluss meines Caminos.

Heute habe ich gelernt, dass der Erfolg nicht nur die Ankunft am Ziel ist, sondern die Summe jedes einzelnen schmerzhaften Schrittes, der uns am Ende mit Tränen des Glücks und tiefer Dankbarkeit belohnt.